Blind
Willie Johnson (ca. 1900 - 1949)
Die
Anfänge afro-amerikanischer Musik liegen im letzten bzw. vorletzten
Jahrhundert. Ihre Wurzeln sind in fester Verbindung mit den damaligen sozialen
Verhältnissen in den USA verknüpft. Die oft mittellose schwarze Bevölkerung
konnte ihre kulturelle und musikalische Entwicklung nur unter extrem schwierigen
Bedingungen erfahren. Musikinstrumente waren unerschwinglich, man mußte sich
mit einfachsten Mitteln behelfen. Ein mit Hilfe von zwei Nägeln auf ein
Holzbrett gespannter Draht - die wohl einfachste Art eines Saiteninstrumentes -
diente als Grundlage für gezupfte "One-string"-Stücke, von denen
heute noch einige überliefert sind.
Wann
zum ersten mal richtig SLIDE gespielt wurde und wem diese heute wieder recht
populäre Spieltechnik zuzuschreiben ist, kann nicht mehr definitiv geklärt
werden; fest steht allerdings, daß BLIND
WILLIE JOHNSON einer der genialsten Gitarristen dieses Genres war und für
immer bleiben wird.
Blind
Willie Johnson wurde in Texas geboren, genauer gesagt in Marlin, einem Ort ca.
100 Meilen südlich von Dallas. Seine Mutter starb bereits, als er noch ein
kleiner Junge war; der Vater heiratete erneut. Die Ursache seiner Erblindung ist
unklar. Verschiedenste Spekulationen darüber wurden in späterer Zeit
zusammengetragen. Die wichtigsten Informationen über sein Leben und seine Musik
stammen, wie so oft, vom Bluesforscher aller Bluesforscher: Samuel Charters.
Einige wichtige Details über Willie Johnson konnte allerdings auch noch Dan
Williams sammeln, der 1977 die ehemalige Weggefährtin Johnsons, Willie B.
Harris, in Marlin/Texas interviewte. Blind Willie sah sich angeblich bereits in
seiner Jugend zum Prediger berufen. Auf einer von seinem Vater gebauten
Zigarrenbox-Gitarre begann er, seine Texte zu begleiten. Als Teenager spielte er
in Marlin als Straßenmusiker, etwas später auf den Straßen von Dallas und
Waco. Seine Musik hatte stets ein stark religiöses Fundament; so kam es, daß
er bald in christlichen Zeltshows und bei kirchlichen Veranstaltungen auftrat.
Blind Willie Johnson machte lediglich über vier Jahre hinweg Aufnahmen - diese
allerdings mit unglaublichem Erfolg. Bei Columbia unter Vertrag entstanden diese
1927 und 1928 in Dallas, 1929 in New Orleans und 1930 in Atlanta. Ende der
zwanziger Jahre lernt er seine Frau Angeline kennen; sie heiraten und leben in
Waco und Temple, schließlich für die letzten 20 Lebensjahre in Beaumont.
Seine
Aufnahmen sind Ende der zwanziger Jahre unter der schwarzen Käuferschaft von so
großem Erfolg gekrönt, daß Columbia ihn als "NEW
SENSATION" präsentiert. 1930 macht Johnson alleine acht Prozent des
Columbiaumsatzes und ist somit erfolgreicher als z. B. Bessie Smith. Seine erste
Platte verkauft sich bereits 15000 mal, die weiteren sind mit durchschnittlich
6000 Stück für die Zeit der steigenden Depression ebenfalls sehr erfolgreich.
Johnson genießt zu dieser Zeit seinen Erfolg. Er kann sich einen eigenen Wagen
samt Fahrer leisten. Dieser (Wagen) wird ihm während einer Baptisten-Tagung in
Houston gestohlen; die Kirche bezahlt ihm umgehend einen neuen - damals
sicherlich keine Selbstverständlichkeit. Bei seinen Aufnahmen wird Blind Willie
Johnson häufig von einer Frau gesanglich begleitet. Bei den 1928er und 1930er
Sessions handelt es sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit um die bereits erwähnte
Willie B. Harris. Bei den New Orleans Recordings von 1929 soll es sich um eine
unbekannte Sängerin aus dem örtlichen Gospelchor gehandelt haben, so zumindest
die Erinnerung von Johnsons Frau Angeline. Bei den Aufnahmen 1930 in Atlanta war
übrigens ein anderer alter Bekannter mit im Studio: Namensvetter Blind Willie
McTell. In den 30er Jahren spielt Johnson hauptsächlich in der Gegend um
Beaumont, oft zu kirchlichen Anlässen oder einfach auf der Straße. In einer
Nacht 1949 geht Johnsons Haus in Flammen auf. Die Familie entkommt, doch Willie
Johnson holt sich dabei eine Lungenentzündung, an der er einige Tage später
stirbt.
Die
Basis für seine Titel waren meist Folk-Traditionals und Gospels, die er mit
seiner einprägsamen Stimme, oft tief als Baß gesungen, einzigartig
interpretierte. Als Stimmung wählte er häufig Open D oder Standardtuning, an
der rechten Hand bevorzugte er einen Daumenpick, mit dem er, leicht abgedämpft,
den Rhythmus spielte. Das wohl Faszinierendste am Gitarrenspiel von Blind Willie
Johnson ist seine unglaublich präzise Slidetechnik beim Melodiespiel, das er
paralell zum Gesang einsetzt. In Sachen Intonation und Technik ist diese
einzigartig. Die Verbindung und das Wechselspiel aus gesungener und gespielter
Melodie, z.T. noch mit zweiten Vocals im Rede-und-Antwort-Stil oder in der
Wiederholung, verleihen der Musik von Blind Willie Johnson ihren
unverwechselbaren Charakter.
Die wichtigsten und spektakulärsten Titel sind auf der Zusammenfassung von YAZOO Nr. 1058 zu finden. Ergänzt man diese noch mit YAZOO NR. 1078, hat man Willie komplett und bekommt somit auch einen guten Eindruck von den Pickingstücken.