SON
HOUSE
"Die
Unterwelt des ländlichen Südens setzt sich aus Individuen zusammen, die sich außerhalb
der sozial anerkannten und gesellschaftlich etablierten Klassen bewegen, das heißt
Personen, die von den Zwängen der Gesellschaft frei sind - die Vagabunden, die
Wertlosen und unverschuldet Armen, die mit ihrem Status zufrieden sind, die
Ausgestoßenen, die schlechten Nigger, Prostituierten, Spieler, Gesetzlosen,
Abtrünnigen und freien Leute. Das Leben in der Unterwelt ist schwer, aber seine
Freiheit ohne Verantwortung scheint seine Nachteile aufzuwiegen. Das sind die
Menschen, die den Blues und die Lieder der Halbwelt geschaffen haben." (so
der schwarze Soziologe Charles S. Johnson 1941)
Der
Status, den schwarze Bluesmusiker zur damaligen Zeit hatten - im Gegensatz zu
dem allgemein starken christlichen Glauben, der in der Bevölkerung gegenwärtig
war - versetzte eine ganze Reihe an Musikern in eine gewisse innere Spaltung und
Unentschiedenheit. So ist es leicht erklärlich, daß in den Texten der "worried
Blues" voller Furcht besungen wird, der Blues war nicht der Begriff für
eine bestimmte Musikstilistik, sondern vielmehr die Angst vor Depression und
psychischen Instabilität, der man in Lied und Text zu begegnen versuchte. Für
viele war es einfach die Musik des Teufels, die Stimme der in der Einleitung
beschriebenen Halbwelt, der untersten sozialen Schichten.
Son
House war einer der Delta Musiker, der über sein gesamtes Leben hinweg von
diesem Zwiespalt geprägt war, Prediger und Christ auf der einen Seite,
Bluesmusiker oder Bluesprediger auf der anderen Seite. Doch er verband diese
Welten, sie waren für ihn nicht getrennt zu halten und ähnlich wie bei seinem
"Schüler" Robert Johnson kommt es in seinen Texten stark zum
Ausdruck:
I`m
goin get me religion, I`m goin join the Baptist church,
I´m
gonna be a Baptist preacher, and I sure won`t have to Work.
In
my room I bowed down to pray,
say
the blues come long, and they drove my spirit away.
I
had religion, Lord, this very day,
but
the womens and whiskey, well, they would not let me pray.
(Preachin
the Blues 1930)
Son
House ist aus unterschiedlichen Gründen eine der bedeutendsten Figuren des
Delta Blues. Zunächst hatte er ungeheuren Einfluß auf zwei absolute Schlüsselfiguren
des Blues: Robert Johnson und Muddy Waters. Dieser erinnerte sich: "Eines
Abends gingen wir zu einer dieser Samstagabend-Fischbratpartys, und da spielte
Son House. Ich benutzte damals einen Bottleneck, weil die meisten Deltaleute
diesen Bottleneck benutzten. Als ich Son House hörte, hätte ich am liebsten
meinen Bottleneck zerbrochen... . Son House spielte dort ungefähr vier Wochen
ohne Unterbrechung, und ich war jeden Abend dort. Man konnte mich gar nicht mehr
von dort wegbringen, wenn ich ihm zuhörte, was er da machte. Dieser Bursche
konnte den Blues predigen, setzte sich dort hin und sang ein Stück nach dem
anderen, wie ein Prediger." Son House war auch tatsächlich Prediger
gewesen und so blieb sein Leben als Bluesmusiker ein ewiger Konflikt.
Neben
Charley Patton und Willie Brown war Son House der bedeutenste Einfluß auf den
jungen Robert Johnson, der später aus Sons "Preachin the Blues"
seinen eigenen "Preachin Blues" machte. Zu Beginn der dreißiger Jahre
kam Son House auf Bitten von Willie Brown nach Robinsonville,Mississippi, wo
auch Robert Johnson lebte. Es gab zu dieser Zeit vier Juke Joints in und um
Robinsonville, und der junge Johnson bekam es immer heraus, in welchem Brown und
Son House spielten. Robert Johnson spielte damals einige Songs von Willie Brown,
doch als er Son House zum ersten mal hörte, machte dies einen ungheuren
Eindruck auf ihn. Son House brachte diese außergewöhnliche Intensität in
seine Musik ein, die in dieser Art mit keinem zweiten zu vergleichen ist, noch
nicht einmal mit der von Charley Patton. Es war die direkteste, rauhste und
emotionalste Musik die Robert Johnson jemals gehört hatte und sie veränderte
seine Denkweise und seine Eindrücke die er von Musik zuvor gehabt hatte. Son
House erinnerte sich später, daß er zunächst nicht daran glaubte, daß aus
diesem Jungen ein guter Bluesgitarrist werden könnte, doch es dauerte nur
wenige Jahre und er wurde eines besseren belehrt.
Ein
weiterer Grund für Son House`s großer Bedeutung ist, daß er zu der Gruppe der
frühen Blueser gehört, die in den 60 er Jahren wiederentdeckt wurden und
dadurch für eine breite Masse zum Begriff wurden.
Im
May 1930 reiste Son House zusammen mit Charley Patton, Willie Brown und Louise
Johnson nach Grafton, Wisconsin um dort eine der legendärsten Delta Blues
Sessions aller Zeiten einzuspielen. Diese Aufnahmen sind inzwischen in
japanischer Auflage wieder erhältlich und Pflicht für jeden Bluesfreund. Von
Son House sind darauf "Preachin the Blues" Part 1/2, "My black
Mama" Part 1/2 und der "Dry Spell Blues" Part1/2 enthalten, zudem
die beiden einzigen überlieferten Soloaufnahmen von Willie Brown "M + O
Blues" und "Future Blues", eine gesanglich überwältigende
Louise Johnson, sowie vier Titel von Charley Patton.
Erst
nachdem die große Depression in den USA überwunden war und Alan Lomax für den
Library of Congress ins Mississippi Delta reiste entstanden die nächsten
Aufnahmen von Son House in den Jahren 1941/42. Darauf sind unter anderem der
"Walking Blues" und Willie Browns "The Jinx Blues"
enthalten. Bis zu seiner Wiederentdeckung im Zuge des Bluesrevivals war es zunächst
sehr still um ihn. Doch die jungen, weißen Bluesliebhaber und Musiker in den
60er Jahren brachten Son House zurück ins Licht der Öffentlichkeit und zollten
ihm die Anerkennung für seine Musik und Überzeugung. Rory Block war damals
eine seiner jungen Verehrerinnen und Paul Geremia leihte Son House seine alte
National Style O für eine Tour. Aus dieser Zeit sind Aufnahmen und sogar Videos
(Yazoo No. )
erhältlich, z. B. ein Live - Mitschnitt von 1965, "The Oberlin College
Concert" (King Bee Records) oder "The legendary Son House, Father of
Folk Blues".