Mississippi John Hurt (John S. Hurt,
1892-1966)
Das Mississippi-Delta, südlich von
Memphis, Tennessee, wird auf seiner westlichen Seite vom Mississippi und auf der
östlichen vom Yazoo River begrenzt. Es ist auffällig, wie viele erstklassige
Bluesmusiker aus diesem relativ kleinen Gebiet emporkamen. Der typische
Delta-Blues, wie er sich im ersten Viertel dieses Jahrhunderts dort entwickelte,
ist von rauher Natur. Er charakterisiert sich durch prägnantes Slidespiel,
rhythmische Baß-Grooves und kraftvollen Gesang.
Mississippi John Hurt, der im Herzen des Deltas geboren wurde und auch über 70 Jahre seines Lebens dort verbrachte, paßt allerdings nicht so recht ins Klischee des typischen "Deltabluesman". Im Gegensatz zu den meisten anderen Musikern seiner Zeit war er ein extrem bodenständiger Mensch, der weder umherzog, um in den Camps der Deicharbeiter zu spielen, noch um für sogenannte "Medicine
Shows",
die durch das Land tingelten, aufzutreten. John Hurt bevorzugte es hingegen, in
seinem Heimatörtchen Avalon (in der Nähe von Greenwood gelegen) in der
Nachbarschaft, auf Feiern und sonstigen Tanzveranstaltungen aufzutreten.
"Nach einigen Stunden war ich dann oft müde und wollte aufhören zu
spielen, doch wenn die Stimmung gut war, sagten die Leute: `Was ist los, John,
wir wollen tanzen` - und dann ging es manchmal bis in die Morgenstunden, und mir
schmerzten fürchterlich die Hände". Es waren zwei weiße Countrymusiker,
Gitarrist Shell Smith und Fiddler Willie Narmour, die John Hurt Tommy Rockwell,
seines Zeichens Manager beim Okeh Label empfahlen. Jener organisierte einen
Studiotermin für John Hurt am 14. Februar 1928 in Memphis. Dort wurden acht
Titel eingespielt, von denen allerdings nur zwei veröffentlicht wurden - "Frankie"
und "Nobody`s Dirty Buisness". "Es war ein großer Saal, und es
waren nur drei Personen anwesend, der Tontechniker, Tommy Rockwell und ich. Sie
stellten mir das Mikrofon direkt vor den Mund und sagten, ich dürfe mich auf
keinen Fall mehr bewegen, wenn sie die optimale Position herausgefunden hätten.
So mußte ich meinen Kopf absolut stillhalten, ich war sehr nervös, und der
Hals hat mir noch Tage später wehgetan". Mississippi John Hurt erinnerte
sich auch noch daran, wie viele bekannte Bluesmusiker er damals in Memphis traf:
Lonnie Johnson, Blind Lemon Jefferson, Bessie Smith und noch einige andere. Die
beiden Titel waren relativ erfolgreich, und Hurt erhielt weitere Studiotermine
Ende des Jahres. Am 21. und 28. Dezember 1928 entstanden somit einige der
bemerkenswertesten "Prewar Bluesrecordings" im New Yorker Studio von
Okeh Records. Darunter Standards wie "Stack O`Lee" und "Candy Man
Blues". Seine Spielweise ist von weichen, rollenden Pickings geprägt, von
synkopierten Rags bis in den Folk reichend und weit entfernt vom typischen
Delta-Blues. Hurt spielte stets ohne Fingerpicks mit Daumen, Zeige- und
Mittelfinger, wobei der Ring- und der kleine Finger an der Decke aufgelegt sind
und die Spielhand fest in ihrer Position halten. Der Anschlag der einzelnen
Saite ist dennoch äußerst prägnant und druckvoll - Garant für Klarheit und
Differenziertheit auch bei schnellen Pickingpassagen. Die tiefe und geschmeidige
Stimme strahlt eine besondere Ruhe aus. In der Melodielinie wird sie bei vielen
Stücken synchron von der Gitarre untermalt, oder es entstehen wechselweise
Konversationen im Frage-Antwort-Stil. Das Okeh-Label war mit dem kommerziellen
Erfolg sehr zufrieden, und es waren bereits weitere Aufnahme-Sessions zugesagt,
als in den 30er Jahren die Depression weiteren Erfolgen einen Riegel vorschob.
So wurde es ruhiger um Mississippi John Hurt, der nun wieder in Avalon als
Landarbeiter oder in verschiedenen anderen Jobs sein Geld verdiente.
Aus diesem Dornröschenschlaf wurde er
erst 35 Jahre später von einem jungen Bluesfreund aus Washington D.C. gerissen,
der Hurt aufgrund des Textes des "Avalon Blues" dort auch wiederfand:
"Avalon `s myx mind". Sein Name war Tom Hoskins, und er war es, der
Hurt mit Dick und Louisa Spottswood bekanntmachte, die 1963 weitere Aufnahmen
von ihm ermöglichten. Es war genau die richtige Zeit für die Wiederentdeckung,
und im Sog des Folk-Blues-Booms war John Hurt auf vielen bekannten Festivals
sowie in Coffee Houses und Clubs zu sehen. Er hatte die warmherzige Ausstrahlung
des liebevollen "Granddaddys", der mit seiner ruhigen, zurückhaltenden
Art das junge, weiße Publikum schnell für sich begeisterte. Aus dieser Zeit
gibt es einen herrlichen Mitschnitt vom Newport Festival, wo neben Hurt noch
weitere Bluesveteranen seiner Generation, aber auch "Youngsters" wie
John Hammond vertreten sind. Im Rahmen des American Folk Blues Festivals war er
schließlich in Europa live zu erleben.
In der Roots`n Blues-Serie (Mississippi John Hurt, "Avalon Blues", Columbia) erhält man die kompletten 1928er Okeh-Aufnahmen in ordentlicher Qualität, sie sind unbedingt empfehlenswert! Mississippi John Hurt war nach seiner Wiederentdeckung eine der herausragenden Persönlichkeiten des Akustik-Revivals Anfang der 60er Jahre. Er verband nahtlos weißen Folk mit schwarzem Blues und hatte einen bedeutenden Einfluß auf Millionen junger Gitarristen. "Stack O`Lee" und "Candy Man" entwickelten sich zu Paradebeispielen der Fingerpickingschulen und sind in unzähligen Lehrbüchern und auf vielen Lehrvideos enthalten. Der freundliche Mann mit dem Stetson-Hat starb am 2. November 1966 im Alter von 74 Jahren.