Leadbelly
(Huddie Ledbetter, ca. 1889-1949)
"An outstanding figure in American
Music..." - mit diesen Worten beginnt im "Folk Music Source Book"
die Kurzbeschreibung Leadbellys, Sänger, Gitarrist und Bindeglied zwischen
schwarzem Blues und weißer Folkmusik - Symbolfigur der musikalischen Tradition
des Südens und Südwestens der USA. Die Gründe für seine enorme Bedeutung
sind vielschichtig.
Wo immer man heute Folkmusik vorfindet,
sind Titel wie "Midnight Special", "Goodnight, Irene" oder
"Rock Island Line" fester Bestandteil. Leadbelly war zudem einer der
wenigen - wenn nicht gar der einzige Country-Blues-Künstler - die damals von
der "weißen" Welt anerkannt wurden. Er war eine Persönlichkeit, die
durch die Intensität des Vortrags beeindruckte.
Geboren in Lousiana wuchs Huddie auf
der anderen Seite der Grenze in Texas auf, einem Staat, dessen schwarzer Bevölkerungsanteil
nur etwa ein Viertel ausmachte. Keine leichte Zeit weit draußen auf dem Land:
"Kein Weißer im Umkreis von 20 Meilen, die Zeitung kam nur einmal pro
Woche und das war gut so" erinnerte sich Leadbelly an seine Kindheit. Sein
Vater Les Ledbetter war einfacher Landarbeiter, seine Mutter Sally
Halbcherokesin.
Trotz des rauhen Umfeldes, der Härte
und Brutalität ("Vati schlug Mama immer zu Boden, wenn sie mit ihm nicht
einer Meinung war.") gab es eine gewisse Stabilität und Regelmäßigkeit
in diesem Leben, die Huddie wahrscheinlich später nie mehr finden sollte.
Bereits in seiner Jugend erwarb er sich den Ruf des Schlägers und Säufers.
Als ein Mädchen zum zweiten Mal von
ihm schwanger wurde und er dennoch nur eine sehr oberflächliche Beziehung zu
ihr pflegte, zwang ihn die öffentliche Empörung, aus seiner heimatlichen
Umgebung wegzuziehen. So ging er nach Shreveport, wo er in den Clubs auf der
Famin Street den Ragtime-Pianisten auf die Finger schaute, ihre Technik auf die
Gitarre übertrug und bald ein enormes Repertoire an Volksliedern, Spirituals,
Worksongs, Blues und Balladen spielen und singen konnte.
Von Shreveport aus machte Leadbelly
Abstecher in Teile von Louisiana und Texas, öfter auch nach Dallas. Genau dort
traf er auf einen der größten Bluessänger aller Zeiten: Blind Lemon
Jefferson. Mit ihm trat er regelmäßig in der Gegend um Dallas auf, was natürlich
seine Arbeit beeinflußte. Hört man sich Leadbellys Version von Jeffersons
"See, See, Rider" an, wird deutlich, daß er von Jefferson einiges an
Feingefühl und akzentuiertem Slidespiel lernte. Dennoch läßt sich seine Persönlichkeit
in erster Linie durch seine kraftvolle Stimme sowie sein rhythmisches Spiel auf
der zwölfsaitigen Gitarre charakterisieren. Wie kein anderer wird er mit diesem
Instrument in Verbindung gebracht, wenngleich es in den zwanziger und dreißiger
Jahren eine ganze Reihe von Musikern gab, die zwölfsaitige Gitarre bevorzugten.
Unter ihnen bekannte Namen wie Lonnie Johnson, Big Bill Broonzy, Blind Willie Mc
Tell oder der bereits erwähnte Blind Lemon Jefferson.
Es war Leadbellys Tragödie, daß eine
Reihe von Gewalttaten dazu führte, daß er viele Jahre seines Lebens in den
Zuchthäusern von Louisiana und Texas verbrachte. Zweimal wurde er, nachdem er
dem Gouverneur vorgesungen hatte, begnadigt. Im zweiten Fall mit Hilfe von John
und Alan Lomax, die für den Washingtoner "Library of Congress" eine
gewaltige Sammlung an schwarzer amerikanischer Folkmusik erstellten. Als er sich
seinen Weg in die Freiheit "ersungen" hatte und seine eigentliche
Karriere als Folksänger begann, war diese Musik schon nicht mehr so sehr
gefragt, und viele seiner Aufnahmen wurden kaum beachtet. Das Werk Leadbellys
sollte erst dreißig Jahre später im Rahmen des Folkbooms der 60er zum Tragen
kommen.