Bauformen der Akustikgitarre
Martin Size O/OO
Im
Gegensatz zur klassischen Gitarre erfreut sich die Stahlsaitengitarre einer
geradezu erfrischenden Vielfalt unterschiedlicher Bauformen. Da müßte doch
eigentlich für jeden das Passende zu finden sein, sollte man meinen, doch
befinden sich Baudetails und Konstruktionsmerkmale, wie auch die Musik und die
Speiltechnik der Musiker, in einer fortwährenden Veränderung.
Viele der
traditionellen Korpusformen sind dennoch bis zum heutigen Tage aktuell geblieben
oder wurden gerade in der jüngsten Vergangenheit von einem gewissen Revival
erfaßt. Nach jahrelanger Vorherrschaft der Dreadnaught sind insbesondere
kleinere Bauarten wieder verstärkt in Mode gekommen.
Oft werden
bestimmte Korpusgrößen recht pauschal einer bestimmten Spieltechnik oder
musikalischen Stilistik zugeordnet, doch zeigt sich dabei allzu schnell, daß
die Grenzen auch hier fließend sind und ehe man sich versieht um Längen überschritten
werden können. Hinzu kommt der Umstand, daß eine bestimmte Korpusform zwar die
klanglichen Eigenschaften einer Gitarre grob vorgibt, jedoch
Konstruktionsmerkmale wie die Beleistung, die Decken- und Bodenwölbung, die
Holzauswahl und Holzstärke etc., so vielfältige Variationsmöglichkeiten eröffnen,
daß die entgültigen Resultate äußerst unterschiedlich ausfallen können.
In dies
oft unüberschaubare Wirrwarr an Bezeichnungen, Geschichtlichem und Modernem, an
Klanglichem und tonlich Grundsätzlichem, Vergleichbarem oder vielleicht doch
weniger Ähnlichem soll diese neue Kolumne in chronologischer Abfolge ein wenig
Licht bringen und Überblick schaffen.
Zu Beginn
möchte ich in dieser Ausgabe die auf Martin zurückgehenden Bauformen O und OO
vorstellen.
Geschichte
Die
zierlichsten Korpusformen, die auch heute noch in einer nennenswerten Stückzahl
hergestellt werden, gehen auf die Größen O und OO von Martin zurück. Deren
Geschichte reicht bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts zurück, genauer
gesagt, in das Jahr 1854 bei der O und in das Jahr 1873 im Falle der OO. Beide
Modelle waren damals noch für Darmsaiten konstruiert und stellten die größten
Instrumente in der Produktpalette der Martin Company dar. Es sollte noch bis zu
Beginn dieses Jahrhunderts dauern, ehe sich Martin entschloß, ein noch größeres
Instrument mit der Bezeichnung OOO ins Programm zu nehmen (welches in der nächsten
Ausgabe unser Thema sein wird). Während Martin bis in die 20er Jahre fast alle
Gitarren auf klassische Gitarristen bzw. Darmsaitenbespannung hin ausgerichtet
hatte, vollzog sich während dieses Jahrzehntes die gänzliche Umstellung auf
den höheren Zug der Stahlsaiten und somit auch auf eine völlig neues Klientel.
Ein Mirakel wird es wohl ewig bleiben, daß Konstruktionsmerkmale wie das
X-Bracing oder der "Steckerl-Steg", die heute ein ausschließliches
Merkmal der Stahlsaitengitarre sind, ursprünglich für die gänzlich anderen
Anforderungen einer Darmsaitengitarre entwickelt wurden.
Wie auch
immer, die Größen O und OO von Martin, als auch vergleichbar große
Instrumente anderer amerikanischer Hersterller, stellten bis Ende der 20er Jahre
den Standard dar. Ein gemeinsames Merkmal hatten bis dato noch alle: der Korpusübergang
befand sich am 12. Bund. Nachdem immer mehr Banjospieler auf Gitarre umstiegen
und ihren gewohnten Freiraum in den oberen Lagen einforderten, stellte auch
Martin zunächst die größere OOO, in Form der OM, auf einen verkürzten Korpus
und den Übergang des Halses am 14. Bund um. Kurze Zeit später, im Jahre 1932,
folgten dann die O-17 und O-18 und im Laufe der 30er Jahre auch die etwas größeren
OO-17 und OO-18. Das preiswerteste Palisandergitarre, die OO-21, blieb als
einziges Modell bis zum heutigen Tage ununterbrochen in der traditionellen
12-Bund Version, mit breitem Hals und Slotted Headstock (Fensterkopf), erhalten.
Größere
Baumformen, allen voran die neue Dreadnaught, verdrängten bis zu Beginn des
Folkbooms Ende der 50er Jahre die O und OO Modelle mehr und mehr, lediglich die
preiswerteren Versionen im Stil 15, 17 und 18 waren noch konkurenzfähig und
wurden über weite Strecken gut verkauft.
Nicht
zuletzt Joan Baez, mit ihrer unverkennbaren MartinO-45 aus dem Jahr 1929, war es
zu verdanken, daß O und OO Modelle im Zuge des Folkbooms erneut ins Rampenlicht
des Interesses rückten. Martin reagierte darauf 1961 mit zwei Instrumenten, die
in Anlehnung an die alten Parlourgitarren des vergangenen Jahrhunderts (diese
waren bis 1898 mit dem alten New York Stamp aus der Anfangszeit der Martin
Company versehen) den Zusatz NY - also New Yorker Modell, trugen. Die kleinere
O-16 NY war eine einfache Mahagoniversion mit rechteckigem Steg, Satin Finish,
12-Bund Korpus und Slotted Headstock. Die Riopalisander OO-21 NY wies eine ähnlich
spartanische Ausstattung, ohne Pickguard und Griffbrettmarkierungen, auf. Da
jedoch nach wie vor die alte OO-21, mit einer hochwertigeren Ausstattung (Belly-Bridge,
Pichguard etc.) im Angebot war, verschwand die OO-21 NY bereits 1965 wieder vom
Markt, die kleine O-16 NY hingegen verkaufte sich bis zum Ende dieser Ära in
den 70er Jahren mit Erfolg.
Mit
Ausnahme der limitierten 00-18 V (12-Bund Korpus) und der OO-21 LE (14-Bund
Korpus) in den 80er Jahren, wurde es dann wieder reichlich still um die
"Kleinsten" von Martin.
Konstruktionsmerkmale
Zunächst
einmal gilt es grundsätzlich zwischen den 12- und den 14-Bund Modellen beider
Größen zu unterscheiden.
Die
meisten 12-Bund Instrumente wurden und werden mit einer durchbrochenen
Kopfplatte (Slotted Headstock) ähnlich einer klassischen Gitarre, und größeren
Halsabmessungen hergestellt. Die 14-Bund Instrumente besitzen in aller Regel
eine massive Kopfplatte (Solid Headstock), sowie ein wesentlich schlankeres und
schmaleres Halsprofil. Durch die veränderte Position des Halsansatzes,
verschiebt sich bei den 14-Bund Gitarren automatisch auch die Position des
Steges in Richtung Taille, was in Verbindung mit dem verkürzten Korpus zu einer
grundsätzlich anderen Positionierung der Deckenbeleistung führt.
Die frühen
O und OO Gitarren waren für heutige Verhältnisse extrem leicht gebaute
Instrumente, Deckenstärken von nur 1.5 - 2 mm und eine besonders leichte
Beleistung charakterisieren dieser für Darmsaiten konstruierten Martins. Die
Art der Deckenbeleistung generell, sprich die Anordnung als X-Bracings, der
Tonbalken und das Scalloped Bracing war jedoch schon damals Standard. Bei den O
Modellen kam man zuweilen mit lediglich einem Tonbalken aus, während die OO
Modelle grundsätzlich deren zwei aufwiesen. Um so jünger eine solche Gitarre
ist, desto schwerer und stabiler ist sie in aller Regel auch gebaut, nicht nur
in Bezug der Umstellung auf den höheren Zuges der Stahlsaiten in den 20er
Jahren, sondern allgemein bis in die 60er / 70er Jahre. Mit den New Yorker
Modellen der 60er Jahre versuchte man dann wieder an die leichte Konstruktion
der Vorkriegsjahre anzuknüpfen, sie wurden mit Silk + Steel Folksaiten
ausgeliefert und sowohl für Nylon als auch weiche Stahlsaiten empfohlen.
Festzustellen
ist auch, daß diese kleineren Korpusformen oft dieselben Deckenstärken wie
ihre größeren Brüder (z.B. Dreadnaught) der gleichen Epoche aufweisen.
Dennoch,
an der konstruktiven Sorgfalt und dem ästhetischen Feingefühl, mit dem Martin
für jede einzelne Bauform die Abmessungen bis ins Detail festlegte, sollte sich
noch heute jeder Gitarrenbauer messen. So ist es beispielsweise kein Zufall, daß
die kleine O Form eine größere Zargenhöhe besitzt als die größeren OO und
OOO Gitarren (siehe Tabelle). Auch der Durchmesser des Schalloches variierte von
Modell zu Modell. In Sachen Mensur war man sich hingegen einig, mit der Ausnahme
einiger frühen OO Gitarren, besitzen sie fast alle die kurze 24.9 Inch Mensur.
Klangeigenschaften
Natürlich
lassen sich auch hier nur sehr bedingt pauschale Merkmale festlegen.
Fast alle
Parlourgitarren (wörtl. Wohnzimmer/Stube) die vor den 20er/30er Jahren gebaut
wurden, und dies unabhängig vom Hersteller, sind leicht konstruierte
Instrumente mit kammermusikalischem, zarten und weichen Klangcharakter. Die Schönheit
des Tons und ihre Ausgewogenheit machen sie sogleich sympathisch und hat man
sich erst einmal an sie gewöhnt, sind geringere Bassanteile und Lautstärke
schnell vergessen.
Die OO stößt
schon eher auf das Interesse einer breiteren Masse. Modernen Vorstellungen
entsprechen Instrumente ab Mitte/Ende der 20er Jahre, die speziell für
Stahlsaiten konstruiert waren. Besonders Gitarristen die von der Konzertgitarre
her kommen, fühlen sich oft auf 12-Bund OO Modellen wohl, da diese
vergleichbare Abmessungen besitzen und die kürzere Mensur auch eine geringere
Saitenspannung zu Folge hat.
Moderne
Baukonzepte heben sich mitunter schon deutlich ab. Stabileren Bauweisen, stärkere
Deckenwölbungen oder überarbeitete Deckenbesleistungen ermöglichen einen höheren
Saitenzug und verleihen diesen Gitarren mehr Lautstärke, Druck und
Obertonspektrum.
Geschmacksache
bleibt es allemal und letztendlich sind die persönlichen Vorstellungen das
entscheidende Kriterium.
Heute
Im Zuge
der zunehmenden Popularität kleinerer Bauformen haben sich in den vergangenen
Jahren wieder verstärkt Hersteller ähnlicher Modelle angenommen. Speziell
12-Bund OO Gitarren sind wieder von etlichen amerikanischen Herstellern erhältlich.
Der Kanadier Larrivee hat das Design seiner eigenen Linie angepaßt: massive
Kopfplatte, transparentes Pickguard und auf Wunsch Larrivee typische Inlays
lassen nur noch bedingt an das Original erinnern. Die Santa Cruz Guitar Company
oder Collings orientieren sich, zumindest optisch, mehr am Traditionellen. Und
auch Martin hat innerhalb der Road-Serie wieder 14-bündige OO Modelle, sowohl
Mahagoni- als auch Palisanderinstrumente in der Preisliste. Nicht zu vergessen
natürlich das neue Damenmodell OO-16 DB (siehe Test AG 1/99). In der günstigeren
Sigma-Linie aus Fernostproduktion wurde bereits vor Jahren auch die 0-16 NY
wieder aufgegriffen.
Der aus
Berlin stammende und in Kanada lebende Oskar Graf baut mit seinem Parlour
Modell, das auf ein Instrument von J.G. Schröder zurück geht, eine kleine
Gitarre mit geradezu unglaublichen Klangeigenschaften. Graf typische Baudetails,
speziell in der Art der Beleistung, entlocken diesem Instrument enorme Lautstärke
und Obertonreichtum.
Doch auch
die europäischen und deutschen Luthier sind alles andere als tatenlos. Das
S-Modell von Lowden besitzt zwar eine gänzlich eigene Korpusform, doch ist es
mit einem vergleichbaren Korpusvolumen zur OO seit vielen Jahren äußerst
erfolgreich. Albert und Müller stellten vergangenes Jahr ebenfalls eine
Parlourgitarre, mit sogar noch etwas zierlicheren Abmessungen als die Größe O,
vor. Vorbild war hier eine Washburn aus den 20er Jahren, sie ist in Ahorn und
Padouk, jeweils mit Sitkafichte als Deckenmaterial, erhältlich. Die Beispiele
ließen sich auch hier weiter fortsetzen: Björn Welsch, Manzanita, Henkes und
Blazer etc..
Gerade die
kleineren Hersteller sind oft in der Lage, solche kommerziell weniger
interessanten Konzepte in Einzelanfertigung umzusetzen.
Sogar
asiatische Anbieter warten vereinzelt mit kleinen Instrumenten auf. Der Japaner
K.Yairi bietet hier seit Jahren eine Auswahl an Gitarren, die sich in einem noch
eher günstigen Preissegment, vergleichbar der Sigma, bewegen.
Eine
(gute) Auswahl solcher Instrumente ist dennoch schwer zu finden, ein Rundruf
beim Fachhandel scheint im Bedarfsfall unvermeidlich.
Martin-Abmessungen
in mm (gerundet):
|
|
12-fret
O |
12-fret
OO |
14-fret
O |
14-fret
OO |
|
|
Länge Gesamt |
959 |
959 |
975 |
981 |
|
|
Länge Korpus |
486 |
498 |
467 |
479 |
|
|
Korpusbreite oben |
241 |
248 |
254 |
276 |
|
|
Korpusbreite Unten |
343 |
359 |
343 |
364 |
|
|
Korpustiefe oben |
86 |
83 |
87 |
85 |
|
|
Korpustiefe unten |
106 |
103 |
108 |
105 |
|
|
Halsbreite Sattel |
48 |
48 |
43 |
43 |
|
|
Durchmesser Schalloch |
92 |
95 |
92 |
95 |
|
|
Mensur |
632 |
632 |
632 |
632 |