Bauformen der Akustikgitarre
Gibson L-Serie
Flattops
Der
Chronologie folgend, werden wir uns in dieser Ausgabe noch einmal mit einer verhältnismäßig
kleinen Bauform der akustischen Stahlsaitengitarre befassen. Nachdem in den
ersten beiden Folgen die Martin Company mit den Bauformen O, OO und OOO zum Zuge
kam ist es nun an der Zeit, die erste, auf Gibson zurückgehende Korpusform der
Flat-Top Gitarre etwas näher zu beleuchten - die L-Serie.
Geschichte
Als der
Schuhverkäufer Orville Gibson Ende des letzten Jahrhunderts damit begann, nach
Feierabend an diversen Saiteninstrumenten zu "schnitzen" war kaum
abzusehen, welche bahnbrechenden Folgen dessen Hobby für die populäre Musik
einmal haben werden. Seine Vorstellung der perfekten Gitarre war jedoch
Meilenweit davon entfernt, womit wir uns in dieser Kolumne beschäftigen wollen.
Die Philosophie beruhte vielmehr auf der Konstruktion von stark gewölbten
(geschnitzten) Decken und Böden, letztere mitunter samt Zargenkranz aus einem
Stück Holz geschnitzt. Darüber hinaus und im Vergleich zu Martin und der
Mehrzahl der anderen am Markt befindlichen Gitarrenhersteller setzte Gibson
bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf die Verwendung von Stahlsaiten.
Doch
Orville Gibson selbst verschwand alsbald aus der Firmenleitung, die nun von
diversen Investoren übernommen wurde.
Seinen
Grundgedanke jedoch verfolgte man weiter, verfeinerte Details und
perfektionierte ihn mit Hilfe des Chefkonstrukteurs Loyd Loar letztendlich bis
zur "L-5" - der Jazzgitarre, deren Bauweise bis heute Gültigkeit
besitzt und die Grundlagen dieses Instrumententyps vorgibt.
In einer
kleineren Bauweise als die 16" große L-5 wurden seit Anfang des
Jahrhunderts die Archtopmodelle L-1 bis L-3 mit rundem Schalloch äußerst
erfolgreich gebaut und verkauft, nur 13.5 Zoll breit und aus heutiger Sicht mit
einem recht höhenbetontem Klangbild ausgestattet. Diese Korpusform wiederum
bildete die Grundlage, als sich die Gibson Konstrukteure Mitte der 20er Jahre
daran machten, Gitarren mit "flachen" Decken und Böden zu entwickeln.
Im Laufe
der folgenden Jahre waren in den Gibsonkatalogen bis zu sechs verschiedene
L-Modelle dieser Bauweise vorzufinden, allesamt von ständigen Änderungen und
wechselnden Spezifikationen betroffen und somit schwer zu charakterisieren und
festzumachen.
Die Story
beginnt mit der Präsentation der Modelle L-0 (35 $) und L-1 (50 $) im Jahr 1926
und endet schließlich 1945, als die letzt verbliebene L-00 aus den Gibson
Katalogen verschwand. Dazwischen lag eine äußerst schwierige Zeit,
gekennzeichnet von der großen Depression der 30er Jahre bis zu Amerikas
Eintritt in den Krieg 1942 und dessen Verlauf über weitere vier Jahre.
Diese
Epoche läßt sich zunächst einmal grob in zwei Abschnitte unterteilen:
wir ziehen
einen Schnitt Anfang der 30er Jahre als sich die runde
"Mini-Jumbo-Form" mit ca. 34.3 cm (13.5 Zoll) Korpusbreite auf eine
etwas weniger gerundete Form mit ca. 37.5 cm (14.75 Zoll) vergrößerte und
wenden uns zunächst der ursprünglichen Bauweise der ersten Jahre zu.
Diese
L-Modelle tragen noch deutliche Features früherer Gibsons und Gitarren des 19.
Jahrhunderts. Die Hälse weisen ein kräftiges V-Profil auf, die Stege besitzen
pyramidenförmige Flügel (waren jedoch schon - vor Martin - von einer
sogenannten Belly-Form gekennzeichnet), die Kopfplatte trägt den klassischen
"The Gibson" Schriftzug und die Formgebung des Korpuses ist die, der
bereits seit 1902 bestehenden "kleinen" Archtopmodelle. Der Korpusübergang
dieser ersten Gibson Flat-Tops befindet sich zeitgemäß noch am 12. Bund,
lediglich die L-5 konnte bis dato mit 14 frei bespielbaren Bünden aufwarten,
die kleineren L-1 bis L-3 Archtops teilweise mit deren 13. Die Unterschiede
zwischen der L-0 und der L-1 lagen zunächst in der Auswahl der Hölzer, der
Ausstattung und der Lackierung, doch waren beide Modelle insgesamt schlicht
gehalten und der Eintritt von Gibson in die Westerngitarren-Branche eher zurückhaltend
und vorsichtig vonstatten gegangen.
Dies
sollte sich rund zwei Jahre später ändern, als mit der Nick Lucas "Gibson
Special" (125 $) das erste Signature Modell mit hohen Ausstattungs- und
Qualitätsmerkmalen auf den Markt kam. Jener Nick Lucas hatte schon früh vom
Banjo auf die Gitarre gewechselt, 1922 mit "Pickin the Guitar" und
"Teasin the Frets" zwei echte Gitarrensolos aufgenommen und schließlich
mit "Tiptoe throught the Tulips" einen Hit über zehn Wochen lang auf
Nummer 1 der Hitparade platziert. Das auffälligste Merkmal der Nick Lucas ist
und war die enorme Zargenhöhe, die selbst die späteren Jumbo Modelle übertreffen
sollte und diesem sonst so zierlichen Instrument ein unverwechselbares Äußeres
verleiht. Ebenso charakteristisch ist das "Fleurs-de-lis" Inlay der
Kopfplatte, sowie die typischen Griffbretteinlagen, deren sich keines
wiederholt.
Ein
weiteres Jahr später, 1929, war es an der Zeit für das vierte Modell der
L-Serie - die L-2 (75$) wurde ins Leben gerufen. Die Lücke zwischen der teuren
Nick Lucas und der vergleichsweise günstigen L-1 sollte sie schließen, doch
entpuppte sich dies, bedingt durch die große Depression, allzu schnell als
wenig erfolgreiches Unterfangen und so verschwand die L-2 beinahe unbemerkt nach
nur vier Jahren Bauzeit.
Die
Zeichen der Zeit zwangen auch die Gibson Manager dazu, auf die veränderte
Situation der Märkte zu reagieren und mit der L-00 (25 $) eine echte "Low-Budget"
Flat-Top zu präsentieren. Diese wies ebenso wie die 1933 folgende L-Century von
Anfang an die vergrößerte Korpusform mit 14.75 Zoll Breite auf und sogleich
wurden sämtliche bestehenden L-Modelle dahingehend umgestellt - die 13.5 Zoll
Form war somit (mit Ausnahme von Custom Orders) Geschichte. Die L-00 bewährte
sich unvermittelt als das richtige Instrument zur rechten Zeit, erhielt man zu
einem äußerst günstigen Preis eine solide Gitarre mit ausgezeichneten
Klangeigenschaften und einem ansprechendem, wenn auch schlichten Äußeren. Es
ist wenig verwunderlich, daß sich gerade dieses einfache Modell bis 1945 zu
einem echten Topseller in der Gibson Linie entwickelte und dem Unternehmen damit
über die schlimmsten Jahre der Depression hinweg half.
Konstruktion
Es war für
Gibson sicherlich kein allzu leichtes Unterfangen, sich diesem, bis dahin von
der Konkurrenz beherrschten Markt der Flat-Top Gitarre zu nähern. Die Branche
jedoch befand sich mit der Umstellung auf die Stahlsaite ohnehin in einem
gewissen Umbruch und auf dem qualitativ hochwertigen Sektor waren neben Martin
und Washburn sonst nur kleinere Hersteller anzutreffen. So tastete man sich
langsam an die Sache heran, experimentierte und veränderte, bis schließlich
die eigene, Gibson typische, Linie gefunden war. Kein Wunder also, daß diese
ersten Jahre von dem bereits angesprochenen, heillosen Durcheinander an
Bezeichnungen und Veränderungen geprägt sind (die beigefügte Tabelle soll
hier ein wenig Übersicht verschaffen).
Einige
charakteristische Baumerkmale treffen dennoch für die meisten dieser L-Modelle
pauschal zu. Da wäre zunächst einmal die insgesamt leichte Gesamtkonstruktion,
von geringen Materialstärken und Abmessungen gekennzeichnet. Deckenstärken von
rund 2 mm sind hier keine Seltenheit, kleine Ahorn Bridgeplates (Stegfutter) der
Standard und auch die Leisten waren äußerst zierlich gehalten. Im Gegensatz zu
Martin verzichtete man bei Gibson auf ein "scalloped Bracing" und lies
die Leisten in Richtung Zargenkranz hin verjüngen.
Die Hälse
waren hingegen absolut stabil und unproblematisch gebaut, zunächst mit einem kräftigen
V-Profil (später dann ins D-Profil übergehend) versehen und - sehr
bemerkenswert - schon damals mir einem verstellbaren Stahlstab ausgerüstet.
Auch der größere Radius und die geringere Breite des Griffbrettes vermitteln
ein gänzlich anderes Spielgefühl als das einer 12-Bund Martin oder Washburn
dieser Zeit.
Ein in
klanglicher Hinsicht wesentliches Konstruktionsdetail ist in der leichten
Decken- und Bodenwölbung der Gibsons zu sehen, das darüber hinaus statische
Vorteile mit sich bringt. Die damit verbundene größere Deckenspannung, sowie
die Profilierung der schmalen und hohen Deckenleisten sind die entscheidenden
Faktoren für den mittigen und leicht komprimierten Ton einer Gibson. Die
herausragenden Klangqualitäten werden darüber hinaus durch das besonders dünn
aufgetragene Nitro-Finish der 30er/40er Jahre Instrumente unterstützt.
Unbedingt
erwähnenswert ist auch die ausgesprochen gute Qualität der damals verwendeten
Hölzer: Adirondack Fichte in aller Regel für die Decken (ab 1943 z.T. Sitka
Fichte), Honduras Mahagoni, amerikanischer Ahorn und Riopalisander für Boden
und Zargen, Honduras Mahagoni für Hälse, Ober- und Unterklotz, sowie Ebenholz
und Riopalisander für Griffbrett und Stege.
Wie bei
allen Gibsons dieser Zeit wurden sämtliche Verleimungen noch mit
Haut-/Knochenleim vorgenommen, die Verbindung von Hals und Korpus ist in der
klassischen "Schwalbenschwanz-Verbindung" ausgeführt.
Heute
Nach dem
Krieg dann wurde die L-Serie von den etwas gedrungener geformten LG-Modellen,
die seit 1942 erhältlich waren, abgelöst und verschwand somit für rund
vierzig Jahre aus den Produktpaletten der Gitarrenbauer. Es ist aus heutiger
Sicht ein Glücksfall, daß gerade von der L-00 oder L-0 für damalige Zeiten so
enorme Stückzahlen hergestellt wurden und dadurch auf dem explodierenden
Vintagemarkt der letzten Jahre noch immer zu einem angemessenen Preis zu
bekommen sind. Neben Gibson selbst haben nur wenige andere Hersteller diese
Bauform erneut aufgegriffen. An erster Stelle ist hier wohl das
"H-Modell" der Santa Cruz Guitar Company anzuführen, das angelehnt an
die Nick Lucas eine ebenfalls größere Zargenhöhe aufweist, klanglich jedoch
ein absolut eigenständiges Design verkörpert. Eine recht detailgetreue
Nachbildung der Nick Lucas bildet dagegen die "Santa Fe" aus der Deja
Vu Serie von Henkes und Blazer, die vergleichbar mit der Santa Cruz
"H" zwar nicht ganz an die extremen Zargenmaße des Originals
heranreicht, ansonsten aber alle typischen Merkmale dieser Gitarre beinhaltet.
Eine Reihe traditioneller Konstruktions- und Verarbeitungsweisen wie die
Verwendung von Haut-/Knochenleim, die klassische Schwalbenschwanzverbindung oder
ein dünn aufgetragenes Nitrofinish werden hierbei obligatorisch angewendet.
Gibson
selbst hat im Zuge der Wiederentdeckung ihrer eigenen Geschichte auch der
L-Series neues Leben eingehaucht und neben einigen Wiederauflagen der Nick Lucas
vor allem L-00 Interpretattionen zurück ins Programm genommen. Jüngst wurde
die Gibson L-Serie durch eine neu Bauform mit der Bezeichnung "New Advanced
00" erweitert, die jedoch keinen direkten Bezug zu den traditionellen
Modellen darstellt. Hierbei sind drei Ausführungen erhältlich: Working
Musician 00 (Fichte / Mahagoni, einfache Ausstattung) ), L-130 (Fichte /
Mahagoni, inkl. Pickupsystem) und L-140 (Fichte / indischer Palisander, inkl.
Pickupsystem).
Im Zuge
des "Robert Johnson Fiebers" der vergangenen Jahre riskierte der
Korea-Gigant Samick sogar eine L-1 Nachbau mit kleinem Korpus zu recht günstigem
Preis (die originale Robert Johnson Gitarre auf dem allseits bekannten Foto ist
eine 1928 L-1!).
Des
Weiteren wären die Parlour-Serie von Tacoma, sowie Collings L-Modelle (in Form
von Custom Orders) zu nennen.
"The
poor man`s Cadillac" wurde die L-00 einst genannt und der Bezug zu
benannter Automarke ist durchaus angebracht, ist diesem, wie auch den anderen
L-Modellen beste Qualität in Sachen Klang und Design zuzuschreiben.
Die
bevorzugten Anwendungsbereiche von L-Size Gitarren sind sicherlich im Blues /
Fingerstyle Bereich angesiedelt, doch sollte man hier nicht zu sehr
voreingenommen sein, auch ein gepflegtes Flatpicking, vor allem auf dem
traditionellen Sektor, läßt sich mit größtem Genuß absolvieren.
L-Serie
Abmessungen, großer 14 Bund Korpus in mm (gerundet):
Länge
gesamt
1000
Länge
Korpus
492
Korpusbreite
oben
260
Korpusbreite
unten
375
Korpustiefe
oben
88 (Nick Lucas 108)
Korpustiefe
unten
110 (Nick Lucas 118)
Durchmesser
Schalloch
101
Mensur
629
Die Gibson L-Modelle liegen somit zwischen der 00 und der 000 Form von Martin, mit einer vergleichsweise größeren Korpustiefe und einer etwas kürzeren Mensur.