Doc Watson
Arthel „Doc“ Watson, geboren am 23. März 1923 in Stoney Fork North Carolina, gilt unbestritten als Schlüsselfigur in der amerikanische Gitarrenmusik. Weit über die Grenzen seiner Heimat in den Appalachian Mountains hinaus hat er Gitarristen in der ganzen Welt, als auch die Folk Szene im Ganzen, entscheidend mitgeprägt.
Wer den Sprung über den großen Teich wagt, hat noch immer die Gelegenheit, den nunmehr fast 80jährigen Watson in erstaunlicher Frische live zu erleben. Am besten man legt den Trip auf das letzte April Wochenende, dann nämlich beheimatet der „alte“ Watson mit seiner Familie und guten Freunden das Merle Watson Memorial Festival in Wilkesboro, North Carolina – auch bekannt als Merlefest. Inzwischen zu einem der größten Folkfestivals der Ostküste avanciert, präsentieren sich den bis zu fünfzigtausend Besuchern über vier Tage hinweg Musiker und Bands der verschiedensten Musikrichtungen.
Ansonsten bleibt in unseren Landen natürlich noch immer die Möglichkeit sich eine, oder am besten mehrere, der unzähligen Aufnahmen ins heimische Wohnzimmer zu holen. Ins Sachen Inspiration offeriert uns Doc Watson in jedem Fall ein breit gefächertes Spektrum amerikanischer Roots-Music. Old Time, Country, Blues, Bluegrass und Gospel haben sich bei ihm stets in einer besonders intensiven und charaktervollen Art und Weise verschmolzen. Ungeachtet dessen blieb Watson jedoch bis heute seiner musikalischen Wurzeln bewusst und eng verbunden.
Doc Watson wuchs in einer äußerst musikalischen Familie auf, Mutter Annie Watson sang religiöse Lieder und Traditionals aus der heimatlichen Region, Vater General Watson war Banjospieler, das auch Arthels erstes Saiteninstrument war. Aus dem Fell der toten Katze seiner Großmutter soll sich der seit früher Kindheit erblindete Arthel damals das beste Banjohead selbst hergestellt haben. Auf einer geliehenen Gitarre brachte er sich schließlich im Alter von 13 Jahren When The Roses Bloom In Dixieland bei und beeindruckte dadurch seinen Vater so sehr, dass dieser dem Sohn am folgenden Samstag eine 12 $ Stella Gitarre kaufte. Beeinflusst durch Schallplatten, dem damals immens einflussreiche Radioprogramm und traditionellen Einflüssen aus der Familie kreierte Watson schnell seinen persönlichen Stil und musizierte vornehmlich mit der Familie und Nachbarn, unter ihnen Fiddler Gaither Carlton, dessen Tochter Rosa Lee er 1947 heiratete. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, Eddy Merle und Nancy Ellen.
So sollte es noch bis in die 50er hinein dauern, ehe Watson zusammen mit dem Pianisten Jack Williams begann bezahlte Gigs zu spielen. Den musikalischen Trends der Zeit entsprechend praktizierten die beiden über sieben Jahre hinweg vorrangig Rockabilly, kommerzielle Countrymusic und Western Swing. In seinem 1995 erschienenen Album Docabilly (Sugar Hill 3836) würdigt Doc diesen für ihn eher untypischen Karriereabschnitt, in dem er sogar weitgehend auf die damals topaktuelle E-Gitarre (Gibson Les Paul) zurückgriff, in herrlich relaxter Art und Weise.
Bereits ein gutes halbes Jahrhundert zuvor verlässt der erst 16-jährige Clarence Tom Ashley seine Großeltern bei denen er aufwächst, um sich einer umhertingelnden Medicine Show anzuschließen. 1925 formiert der Banjo Spieler mit Doc Walsh die Carolina Car Heels und teilt im Laufe seiner Karriere die Bühne mit bedeutenden Musikern wie Charlie Monroe, Lester Flatt oder den Stanley Brothers. Zufälliger Weise unmittelbarer Nachbar der Watsons, verleiht eben dieser Tom Ashley später eine gehörige Menge an Inspiration und Einfluss an Watson.
Im Zuge des Folk Revivals kommen 1960 Ralph Rinzler und Eugene Earle in den Süden um Ashley aufzunehmen und stoßen in diesem Zuge begeistert auf Doc Watson. Aus den daraus festgehaltenen Sessions entstehen schließlich die ersten Doc Watson Recordings, veröffentlicht unter dem Titel Old Time Music At Clarence Ashley`s (Folkways 2359 & 2355). Bereits ein Jahr später führt das mittlerweile mächtig boomende Folk Revival Ashley und Watson, gemeinsam mit Clint Howard und Fred Price, zum heute legendären Friends Of Old-Time Music Concert nach New York. Es folgen Solo Auftritte, u. a. in Gerde`s Folk City in Greenwich Village, dem Newport Folk Festival, der Carnegie Hall und unzähligen weiteren Club und Festival Auftritten im ganzen Land. Für Doc Watson entwickeln sich die 60er zur entscheidenden Phase seiner langen Karriere. Mit seiner ausgefuchsten Flatpicking Technik, in teils atemberaubender Geschwindigkeit, adaptiert Watson traditionelle Fiddle Tunes wie z. B. den Black Mountain Rag auf die Gitarre. Im Duo mit Bluegrass Legende Bill Monroe lebt während der 60er und 70er der alte Monroe Sound mit seinem typisch zweistimmigen Gesang erneut auf. Eine Auswahl dessen wurde 1993 vom Smithsonian Folkways Label unter dem Titel Live Duet Recordings 1963 – 1980 auf CD veröffentlicht.
Mitte der 60er stellt sich Sohn Merle an die Seite des Vaters. Merle, inzwischen exzellenter Banjospieler und Gitarrist, dient dem Vater in einer aus beider Sicht erfreulichen Partnerschaft ergänzend als Fahrer und Manager. Überdies bringt der Sohn bereichernd musikalischen Einfluss und Farbe mit sich. Gemeinsam gewinnen sie Grammys für Then & Now (1973) und Two Days In November (1974). Trotz des außerordentlich direkten Einflusses des Vaters entwickelt der Sohn überraschend schnell eine eigenständige Stilistik, vornehmlich geprägt durch Bluesgitarristen wie Mississippi John Hurt oder Jerry Ricks. Inspiriert durch Duane Allman wendet sich Merle in der 70ern auch verstärkt dem Slidespiel zu. In einem 1993 erschienenen Artikel des amerikanischen Acoustic Guitar Magazine erinnert sich Doc Watson an seinen Sohn: „What impressed me most about Merle`s guitar playing was the tasteful style that he had developed and his ability to learn very quickly“. Dem ersten gemeinsamen Auftritt beim Berkeley Folk Festival 1964 folgt nur ein Jahr später das erste gemeinsame Album Doc Watson & Son (Vanguard 79170).
Überhaupt entstehen für das Vanguard Label unzählige bedeutende Einspielungen: Doc Watson (79152), Southbound (79213), Home Again (79239), Good Deal (79276) oder Ballads From Deep Gap (6576). Eine hervorragende Zusammenstellung dieser Sessions erschien 1995 in einem 4 CD Set unter dem Titel The Vanguard Years 1963 – 1968 (70055).
Zusammen mit dem Bassisten T. Michael Coleman folgen ab 1974 Touren nach Europa, Asien und Japan. Im Zeitraum bis 1985, als Merle beim einem tragischen Traktorunfall ums Leben kommt, entstehen sage und schreibe fünfzehn Alben. Der Schicksalsschlag allerdings trifft Watson hart, doch schließt ein Freund von Merle, Jack Lawrence, die Lücke zumindest als musikalischer Weggefährte und Begleiter. Es entstehen u. A. Aufnahmen für das Flying Fish und Sugar Hill Label - ganz besonders empfehlenswert, das auf David Grismans Acoustic Disc erschienene Album Doc & Dawg (ACD 25/1997). In unvergleichlicher Weise begeben sich die beiden unumstrittenen Großmeister hier zurück in die Pre-Bluegrass-Era der Old Time Music. Klassiker von Summertime bis Frankie and Johnny sind in exzellenter und äußerst relaxter Manier festgehalten – ein Muss für jeden Liebhaber! Neben Then And Now und Two Days In November wurde Watson für weitere Produktionen mit dem begeehrten Grammy ausgezeichnet: Live and Pickin` (1979, United Artists LA943-H, Best Country Instrumental Performance), Ridin The Midnight Train (1987, Sugar Hill 3752, Best Traditional Folk Recording) und On Praving Ground (1991, Sugar Hill 3779, Best Traditional Folk Recording).
Darüber hinaus erhält Watson die Medal Of The Arts von Bill Clinton überreicht, den Doktortitel der University Of North Carolina verliehen und Ex-President Jimmy Carter ehrt ihn als National Treasure besonderer Güte.
Welche Bedeutung all diesen Ehrungen letztendlich auch zukommen möge, Doc Watson nimmt in seinem Genre eine absolute Sonderstellung ein. Bereits während seiner Schulzeit verehrt er Nick Lucas und Django Reinhardt, hört die Aufnahmen der Carter Family, Jimmie Rodgers, den Carolina Car Heels oder Gid Tanner And The Skillet Lickers. Von Maybelle Carter, mit er später selbst zu Aufnahmen zusammentrifft, übernimmt er zunächst die traditionelle Old Time Spielweise mit Daumenpick, inspiriert durch Jimmie Rodgers wechselt er jedoch wenig später zum Straight Pick und entwickelt die Flatpicking Technik in Hinsicht auf Präzision, Ton und Geschwindigkeit ernorm voran. Zu seinen stärksten persönlichen Einflüssen entwickeln sich im Laufe der Zeit nach eigener Aussage Chet Atkins, Merle Travis, die Delmore Brothers, Hank Garland und Fay „Smitty“ Smith. Die Musik seiner Heimat bleibt ihm jedoch ein Leben lang eng verbunden. Aufgewachsen in dem besonders intensiven musikalischen Umfeld seiner Familie, des Fiddlers Gaither Carlton und der Banjo Legende Tom Ashley bleiben traditionelle Old Time Mountain Tunes stets die Essenz und Basis seiner Schaffenskraft. In jedem Falle etabliert er zu wesentlichem Anteil die Gitarre als Leadinstrument in Folk-, Old Time und Bluegrassbands und setzt sowohl in seinem musikalischen Ausdruck als auch in spieltechnischer Hinsicht neue Maßstäbe. „Playing for the love of music is what has sustained Doc Watson...“ bemerkt Dan Miller vom Flatpicking Guitar Magazine treffend, gelingt es kaum einem anderen Gitarristen in vergleichbarer Weise, seine Musik derart intensiv und glaubwürdig auszudrücken - Outstanding!
Discographie
Album Titel Released Recorded Label & Album ID
Country Music & Bluegrass At Newport 1963 1963 Vanguard 79146
Jean Ritchie & Doc Watson At Folk City 1963 1963 Smithsonian/Folkways 40005
The Doc Watson Family 1963 1963 Smithsonian/Folkways 40012
Doc Watson 1964 1964 Vanguard 79152
Treasures Untold 1964 1964 Vanguard 77001
Doc Watson & Son 1965 1965 Vanguard 79170
Home Again! 1966 1966 Vanguard 79239
Strictly Instrumental 1966 1966 Sony/Country 26253
In Nashville - Good Deal! 1968 1968 Vanguard 72976
Ballads From Deep Gap 1971 1967 Vanguard 6576
Doc Watson On Stage 1971 1971 Vanguard VCD9/10
Will The Circle Be Unbroken 1972 1972 EMI 46589
The Essential Doc Watson 1973 1973 Vanguard VSD45/46
Elementary Doctor Watson/Then And Now 1974 1973-74 Collectables 5839
Then And Now/Two Days in November 1974 1974 Sugar Hill 2205
Two Days In November 1974 1974 Poppy LA210
Memories 1975 1975 Sugar Hill 2204
Doc And The Boys 1976 1976 United Artists UA-LA601-G
Lonesome Road 1977 1977 Beat Goes On 416
Old Timey Concert 1977 1967 Vanguard 107/108
The Doc Watson Family Tradition 1977 1960's Rounder 0129
Look Away 1978 1978 United Artists UA-LA887-H
Live & Pickin' 1979 1979 United Artists UA-LA943-H
Reflections 1980 1979 Sugar Hill 3896
Red Rocking Chair 1981 1980-81 Flying Fish 70252
Doc & Merle Watson's Guitar Album 1983 1982 Flying Fish 70301
Down South 1984 1984 Rykodisc 10008
Riding The Midnight Train 1984 1984 Sugar Hill 3752
Pickin' The Blues 1985 1985 Flying Fish 70352
Portrait 1987 1987 Sugar Hill 3759
Favorites of Clint Howard - Doc Watson
and the Blue Ridge Mountain Boys 1988 1988 Rutabaga RR-3010
On Praying Ground 1990 1990 Sugar Hill 3779
My Dear Old Southern Home 1991 1991 Sugar Hill 3795
Remembering Merle 1992 1970-76 Sugar Hill 3800
Bill Monroe and Doc Watson:
Off the Record, Vol. 2 1993 1963-1980 Smithsonian/Folkways 40064
Songs For Little Pickers 1993 1993 Sugar Hill 3786
Old-Time Music At Clarence Ashley's 1994 1960-62 Folkways 40029/30
Songs From The Southern Mountains 1994 1960's Sugar Hill 3829
Doc Watson:
The Vanguard Years (4-Cd Set) 1995 1963-68 Vanguard 70055
Docabilly 1995 1995 Sugar Hill 3836
Southbound 1995 1966 Vanguard 79213
Watson Country 1996 1980-84 Flying Fish 651
Doc & Dawg 1997 1987-91 Acoustic Disc ACD25
Mac, Doc & Del 1997 1997 Sugar Hill 3888
Home Sweet Home 1998 1967/1998 Sugar Hill 3889
An Evening with Doc Watson and
David Holt 1999 1998 UNCTV
The Best Of Doc Watson: 1964-1968 1999 1964-68 Vanguard 79535-2
Third Generation Blues 1999 1999 Sugar Hill 3893
Foundation: Doc Watson Guitar
Instrumental Collection 1964-1998 2000 1964-1998 Sugar Hill 3916
Doc Watson at Gerdes Folk City 2001 1962-63 Sugar Hill 3934
Legacy 2002 2001 High Windy Audio Legacy
'Round The Table Again 2002 2001 Sugar Hill 3935